Orchestervereinigung Möhringen e.V.
Faszination Musik seit 1925

100 Jahre Orchestervereinigung Möhringen

Mit Zitaten aus dem Festvortrag von Dr. Ado Kiess zum 75jährigen Jubiläum im Jahr 2000

Nach einer Kantatenaufführung in der Möhringer Martinskirche im Jahr 1925 blieben die Instrumentalisten zusammen und gründeten im November desselben Jahres in der Gaststätte Bahnhof die „Orchestervereinigung Hauskapelle Möhringen“: 7 Geiger, 1 Pianist, 1 Flötist, 1 Cellist, 1 Klarinettist und der Bratschist und Dirigent Paul Kiess, der auch 40 Jahre die Orchestervereinigung leitete. Das Programm des 1. Konzerts am 6.6.1926 ist nicht überliefert, die Musiker wagten sich aber in dieser Besetzung auch schon an Sinfonien.

„Die Programme des Orchesters bestanden seit dem 1. Konzert bis in die 70er Jahre hinein aus zwei Teilen: einem ersten mehr klassischen Teil, wobei in der Regel nur einzelne Sätze gespielt wurden, und einem zweiten, mehr unterhaltenden Teil, an dessen Ende ein schmissiger Marsch stand, damit auch der letzte Konzertbesucher merkte, dass jetzt Schluss war.“

Von Jahr zu Jahr wuchs das Orchester durch Zugang neuer Spieler und die Programme wurden durch Verpflichtungen namhafter Künstler immer attraktiver.
Der zweite Weltkrieg brachte das Üben und Musizieren zum Erliegen, das letzte Konzert war im November 1938, während des Krieges gab es kein Orchester und einige kamen nicht wieder zurück.
Ab Januar 1946 kam die Probenarbeit langsam wieder in Schwung und die Lücken, die der Krieg geschlagen hatte, schlossen sich allmählich durch Zuwachs junger Instrumentalisten.

„Das erste Konzert nach dem Krieg fand am 15.6.1947 im alten Kindergarten statt: Ein Konzert zu veranstalten war damals nicht so einfach. Man brauchte die Genehmigung der amerikanischen Besatzungsmacht und musste Papier beschaffen“.

Das Orchester war bald zahlenmäßig und instrumentenmäßig stark angewachsen, es gab bald eine volle Bläserbesetzung. Nur das Horn hat immer gefehlt. Allerdings wird seit 1986 kein Bläser mehr in den Anwesenheitslisten geführt. Wir sind ein Streichorchester geworden, das bei Bedarf durch Profi-Bläser ergänzt wird.

„Begriffe wie Originalbesetzung und Werktreue kannten wir damals nicht. Natürlich hatten wir auch damals nicht alle nach der Partitur erforderlichen Bläser; auf der anderen Seite hatten die vorhandenen Bläser nach der Partitur öfters nichts zu tun. Das war damals kein Problem, man behalf sich: man spielte immer mit Klavier, fehlende Blasinstrumente wurden durch andere Instrumente ersetzt, für die der Dirigent die Noten umschrieb, und hatten vorhandene Bläser nach der Partitur nichts zu spielen, wurden auch für die Noten geschrieben.“

„Überfliegt man die Jahresprotokolle, dann waren damals neben den Adventsmusiken die Ausflüge und die bunten Abende die Hauptsache“.

1960 gab es die erste Adventsmusik in der Christuskirche, seitdem haben wir ohne Unterbrechung, also über 60 Jahre, diese Adventsmusik gespielt, jetzt in der Martinskirche. Diese hielten auch das Orchester am Leben, als es ab den 60er Jahren kriselte. Albrecht Stäbler als Vorstand und Werner Klönhammer als Dirigent „machten ab 1974 das fast gestrandete Orchesterschiff wieder flott, auch äußerlich unterstrichen durch den Umzug in das neue Probenlokal im Königin-Charlotte-Gymnasium“, wo wir nun schon 50 Jahre proben.

Vieles war nun anders geworden: „bei den Konzerten gibt es keinen 2. Teil mehr mit Unterhaltungsmusik. Man spielt nicht länger nur einzelne Sätze, sondern die ganze Sinfonie. Vor allem wird in Originalbesetzungen gespielt, es gibt keine umgeschriebenen Noten mehr, und das Klavier kommt nur als Soloinstrument zum Einsatz. Neu war auch, dass jetzt richtige Profis als Instrumentalsolisten zum Einsatz kamen. Seit den ersten Tagen des Orchesters hatte man richtig erkannt, dass das Programm durch Solisten aufgelockert werden muss. Die Leute wollen ja nicht nur hören, sondern auch was sehen.“

1990 ging es ohne Bruch weiter mit Martin Rück als Vorstand und Walter Wagner als Dirigent. Ab 1995 begann die Ära Doris Bühler als Vorstand und Sergej Jussow als Dirigent: der damalige Konzertmeister von Miss Saigon wollte nicht nur immer Musical spielen, ein Glücksfall für die Orchestervereinigung. Er selbst übernahm Solopartien, seine Kinder Andrej und Alex traten als Solisten in vielen Konzerten auf. Nach vielen erfolgreichen Jahren mit schönen Konzerten endete die Ära leider aus gesundheitlichen Gründen: Doris Bühler fand 2011 eine Nachfolgerin zuerst in Dorothea Doppler, dann in Regina Brückner-Schmidt. Als unser Dirigent Sergej Jussow 2012 plötzlich ausfiel, hatten wir zum Glück einen Profi in den eigenen Reihen: Simon Schorr wechselt vom Stimmführer der Bassgruppe ans Dirigentenpult. Mit ihm ergaben sich neue Kooperationen z.B. mit dem Motettenchor, dessen Chorleiter er auch war. Neben vielem anderen kam eine Kurzfassung der „Entführung aus dem Serail“ auf Schwäbisch zur Aufführung. Und 2023 inszenierte Simon Schorr mit seiner Frau Sandra zusammen den Karneval der Tiere von Camille Saint-Saens und ein Jahr später Peter und der Wolf von S.Prokofjev. Zwei große Familienkonzerte mit Schüler*innen der Bodelschwinghschule Möhringen auf der Bühne.

Ein großer Dank geht an die Anton&Petra-Ehrmann-Stiftung, ohne deren finanzielle Unterstützung diese Programme mit großem Sinfonieorchester nicht hätten realisiert werden können.

So leistet die Orchestervereinigung seit ihrem Bestehen durch ihre Konzerte in verschiedenen Konzertsälen und Kirchen einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen Leben innerhalb der Gemeinde Möhringen. Im Züblinhaus war die Orchestervereinigung das erste Orchester, das 1986 mit einem Konzert dort aufgetreten ist, woraus die Reihe „Sommer im Züblinhaus“ entstanden ist.

Wir blicken dankbar auf diese ersten 100 Jahre zurück und mit unseren vielen jungen Mitgliedern auch zuversichtlich in die Zukunft!

Dr. Ado Kiess
Dr. Regina Brückner-Schmidt